Es waren zwei Königskinder, die konnten einander nicht finden, oder so ähnlich, erging es dem Autor Salih Jamal und mir. Terminlich war immer irgendwas. So haben wir uns zu einem virtuellen Austausch entschlossen. Überaus spontan, geradezu lässig. Ich beschreibe kurz wie die Location hätte sein können: wir sitzen beide auf einer etwas altertümlichen, ziemlich mächtigen Ledercouch, auf einem in pastellfarben gehaltenen Nierentisch tummeln sich unsere Getränke, mein Pfefferminztee und Salihs Habichjetztvergessen. Im Hintergrund kann man ganz sanft die Klagelieder von Henryk Goreki hören…………………………https://www.youtube.com/watch?v=-mEWlGLkjIw

>Ich freue mich sehr, Salih, dass wir unser Interview nun beginnen können, ich starte auch gleich mit der ersten Frage > ( Hoffe inständig, dass keiner bemerkt wie aufgeregt ich bin, denn, dies ist mein erstes Intervierw ever und ich bin sehr froh, dass Salih die Ruhe weg hat……………………………………………………..)

  1. Nach deinem ersten Buch > Briefe an die grüne Fee < und deinem zweiten> Orpheus < schreibst du gerade an einem dritten Roman. Wie lautet der Titel? Und magst du ein bisschen was zum Inhalt verraten?

Zur Zeit hat es Arbeitstitel, die immer mal wechseln. Der vorletzte hieß: „Let’s burn this fucking place down.“ Den aktuellen verrate ich nicht.

Es ist eine Geschichte über das Flüchten und über die Freundschaft. Sie reflektiert die verschiedenen Arten von Flucht – vor der Entdeckung, dem Schrecken, der Schuld und vor sich selbst. Die Flüchtenden werden konfrontiert mit ihren Erinnerungen und Traumata. Gleichzeitig ist die Geschichte ein Plädoyer für die Freundschaft und all dem was sie ausmacht. Oder besser wie sie entsteht: (Mit)Gefühl wird zu Fürsorge, Toleranz zu Selbstlosigkeit.

2. Wie, hast du für dein neues Buch recherchiert?

Ich hab mal in einem Erich Kästner Film, der übrigens ein bisschen kitschig war, gesehen, wie er einen Zeitungsartikel über einbrechende Kinder gesehen hat, und daraus ist dann Pünktchen und Anton entstanden. So ähnlich ist das auch bei mir. Weißt, du übrigens was das für mich Genialste an diesem Buch ist? Pünktchens Vater ist Spazierstockfabrikant. Das ist so geil Kästneresk. Das ist überhaupt das Größte. Besser als der Nobelpreis. Wenn man ein „esk“ hinter seinem Namen trägt.

Also, die Ideen kommen von draußen UND sie liegen tief in mir drin. Also auch selbst erlebtes ist enthalten und vor allem selbst gedachtes. Bei manchen Sachen war ich oft nur Zaungast. Das dann alles in den großen Rührer, und die erste Seite ist geschrieben.

Ach so, und was das Körperliche betrifft: Ich habe mir ein Boot zu raumfahren gemietet, weil im neuen Buch wird ein Boot gestohlen. Zuletzt: da wo die Szenen spielen war ich ja auch schon fast überall.

3. Was ist deine Message?

Hui….ich hab nicht wirklich eine. Aber Authentizität würde uns alle sehr weit bringen. Dann wäre so mancher Mist nicht notwendig oder er wäre nicht machbar. Im Großen und im Kleinen.

4. Wann dürfen wir dein neues Buch erwarten ?( sehr neugierig schauend )

Keine Ahnung. Ich finde es ist noch in einer frühen Phase. Ich lass mich nicht hetzen.

5. Zu < Orpheus < entsteht ein Hörbuch, die Hörprobe ist wirklich gelungen. Deine excellente Story, ein klasse Sprecher, untermalt von diverser, von dir explizit ausgesuchter Musik. Wann erscheint es ?

Auch die „Briefe an die grüne Fee“ sollten am 01.05. veröffentlicht werden. Ich weiß jetzt nicht wann Du das Interview veröffentlichst. Aber wir haben heute den 10. Mai und Audible ist da nicht so schnell wie zum Beispiel Hugendubel. (Wobei es da bis jetzt auch nur den Orpheus gibt). Die Hörprobe gibt’s auf meiner Websseite. Der Rest kann sich nur noch um Tage und vielleicht 1-2 Mails handeln.

6. Salih, du veröffentlichst – Verlagsfrei – über BoD – Books on Dermand. Was gab dir den Impuls?

Die wenigen, die mich wollten, fand ich nicht passend. Ansonsten warte ich noch auf den Verlag, der sagt: „Herr Jamal. Schreiben Sie! Hier ist ein Scheck und bitte nehmen Sie auch die Schlüssel für das Haus in Südfrankreich.“ Du siehst: Ich hab die gleichen Träume wie alle anderen Autoren auch. Und weißt, Du, auch wenn meine Bücher nicht von den Coehn Brüdern verfilmt werden, und wenn der passende Verlag nie an meine Tür klopft, dann habe ich wenigstens die Anerkennung, von denen, die meine Bücher gelesen haben.

Dieses unglaubliche Feedback, von denen, die mir mehr Sterne gegeben haben als es im Bewertungsschema gab. Das im Vergleich mit den Verlag-Highlights, die diese Blogger ja auch gelesen haben! Das ist etwas was mich als Mensch hat wachsen lassen. In allen Facetten: Von Hochmut bis zu Demut.

7.Deine Bücher sind ein Gebilde aus intensiver Poesie und immenser Tragik. Wie kommt das?

Was nutzt die Poesie, wenn sie nicht schmerzt?

Für mich ist Schreiben ein Prozess in der Kunst entsteht. Wie beim Malen oder beim Töpfern. Das alles passiert, wenn das Leben zu eng wird, weil sich das Denken und die Fantasie zu sehr ausbreiten, und sich von innen gegen die Wände des Körpers pressen. Wo dann Geist zu dichter Masse anwächst, so dass ihr Gewicht schmerzt und der Druck zu groß wird, weil er nicht raus kann. Wenn die Last einen auf die Knie zwingt. Das ist der Moment an dem Kunst entsteht. Manches Mal merkt man den Schmerz dabei gar nicht. Aber er ist definitiv da. Ein Orgasmus im Französischen heißt schließlich ja auch „La Petite Mort“.

8. Woher kommt wohl deine unglaubliche Tiefe, die in deinen Zeilen deutlich zu verspüren ist ?

Ich bin nicht so ein guter Gegendbeobachter und Beschreiber. Ich guck mir die Leute lieber an. So steht es schon auf Seite eins der grünen Fee:

„Du kennst das. Man sitzt unbeobachtet und unscheinbar in einem Café oder auf einem großen Platz. Leute sind überall. Man beobachtet das Treiben, die Personen, die wie auf einer großen, realen Leinwand plötzlich ihre Konturen zeichnen. Du studierst ihre Gesichter, den Blick, ihre Kleidung, ihren Gang, die Stimmen, die Hände oder die Zähne. Man notiert den Schmutz, der vielleicht an einem Schuh hängen geblieben ist. Ein falsch geknöpftes Hemd? Und dann entwickeln sich Bilder zu den Menschen, die nicht wissen, dass sie plötzlich in deinem Kopf ihre Geschichte erzählen. Sie können Opfer und Täter sein, oder beides. Sie sind dominant oder ergeben und gottesfürchtig. Wie Fotos, die mit einem Schnellauslöser gemacht werden, erscheinen in Bruchteilen von Sekunden Bilder über Bilder, die sich zu ganzen Handlungen, gar zu ganzen Lebensläufen, zusammenfügen. Ich gehe einer Beschäftigung nach, die meist lapidar mit „Leute gucken“ beschrieben wird.“

9. Welche Bücher liest du selbst? Hast du ein paar Tipps für uns ?

Auf meinem mir nächst gelegenen Stapel liegen zur Zeit:

Ramona Ambs: Beinahe eine Blume

Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Trudi Chase: Aufschrei

Rachel Kushner: Flammenwerfer

Maren Wurster: Das Fell

F. Scott Fitzgerald: Für Dich würde ich Sterben.

Ich kann aber noch keinen Tipp geben. Ich lese viel gleichzeitig und breche auch oft ab. Ich wär ein katastrophaler Blogger. Ansonsten schau doch mal beim Scout Award vorbei. Da ich den letztes gewonnen habe, war ich Juror für die Midlist im Segment „Gegenwartsliteratur.“ Das waren meine Highlights der Neuerscheinungen aus 2018.

Hier ist der Link.

10. Nun meine Finale – Frage – Was für ein Mensch ist Salih Jamal ? Was zeichnet dich ganz persönlich aus ?

Ich bin sehr fürsorglich und ich versuche, so wie in der Frage da oben schon angesprochen, authentisch zu sein. Gleichzeitig wohnt in mir aber auch eine Ruhelosigkeit und der Drang mich Übertreibungen hinzugeben.

Herzlichen Dank an Salih Jamal für diese Offenheit!

Übrigens Salih Jamal kann man am 8. Juni 2019 in Nürnberg live erleben! Nichts wie hin!

Salih Jamal liest ORPHEUS — Musik, Liebe Tod – 19.30 – 21.30 Uhr in der C. Rauch´sche Buchhandlung / Jakobstraße 40 | 90402 Nürnberg

Lebenslauf von Salih Jamal : Ich wurde weit entfernt von dort geboren, wo ich hingehörte. So suchte ich zeitlebens meinen Weg nach Hause und gleichzeitig hinfort. Ein langer, ungewisser und wohl unmöglicher Weg. In einer staubigen Zeit erblickte ich das Licht der Welt. Um zwanzig nach sieben, an einem Sonntag genau in der Minute des Sonnenaufgangs, atmete ich den letzten Hauch der vergangenen Nacht in mein neues Leben ein. Alles stand im Sternzeichen des Skorpions und auch noch im Aszendent Skorpion. Koordinaten für die Weltherrschaft. Später erfuhr ich, dass mein Tierzeichen des chinesischen Horoskops das Feuerpferd ist. Feuerpferde sind sehr selten. In der fernöstlichen Astrologie wurden die Eigenschaften von Feuer und Pferd kombiniert: Pferde sind klug, selbstbewusst, egoistisch, unruhig und leidenschaftlich. Dabei sind sie so freiheitsliebend, dass sie die Welt vergessen können, so dass man durchaus niedergerannt werden kann, wenn man ihnen im Weg steht. Menschen, die im Feuer geboren werden sind dominant und brennen vor Hingabe an Dinge. Manchmal so lange, bis alles um sie herum zerstört ist. Der Akt meiner Geburt war als solcher gar nicht vorhanden. Ich flutschte einfach raus! So wie ich auch später durchs Leben flutschen sollte. Ich bin übrigens Frühaufsteher. Ob das etwas damit zu tun hat?